„Das atmende Unternehmen: Flexibel produzieren in Deutschland“ – dies war das Thema des vierten „Petersberger Industriedialogs“, einer Gemeinschaftsveranstaltung der Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sowie der Stiftung Industrieforschung. Es war – wie die engagierten Vorträge und anregenden Diskussionen zeigten – das richtige Thema zur richtigen Zeit. 240 Unternehmer kamen am 15. Mai 2008 auf den Petersberg, um die Erfolgsstrategien mittelständischer Praktiker kennenzulernen und zu diskutieren.

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Rund 240 Unternehmer konnten Udo Dolezych (Präsident der Industrie- und Handelskammer Dortmund) und Prof. Dr. Robert Fieten (Management-Forschungs-Team, Köln) am 15. Mai 2008 auf dem Petersberg begrüßen.

Der Präsident der Industrie- und Handelskammer Dortmund, Udo Dolezych, verwies in seiner Begrüßung auf die Chancen der deutschen Industrie und insbesondere der vielen innovativen Mittelständler, die sich als Technologieführer und Spezialisten in klar definierten Märkten nicht nur national sondern auch international gut positioniert hätten. Trotz Finanzkrise, Börsenturbulenzen, $-Schwäche und stark verteuerter Rohstoffe dürften sie auch für 2008 optimistisch sein. Allerdings müssten unsere Unternehmen in einem sich verändernden Marktumfeld, in dem sich das Wachstum etwas abschwächt, die Auftragseingänge leicht zurückgehen und die Unsicherheiten tendenziell zunehmen, ihre Fähigkeit zur flexiblen Reaktion auf eine schwankende Nachfrage und individuelle Kundenwünsche ausbauen. Sie könnten nur dann erfolgreich sein, wenn sie zu atmenden Unternehmen würden, die in der Lage seien, ihre Kapazitäten flexibel an das Auf und Ab der Nachfrage anzupassen, ohne dabei in die Fixkostenfalle zu tappen und wenn sie es schafften, ihre Produktion und Logistik so zu gestalten, dass auch das Eingehen auf individuelle Kundenwünsche – die Stärke des deutschen Mittelstandes – bezahlbar bleibe.

„Hohe Flexibilität und hohe Effizienz müssen keine unüberbrückbaren Gegensätze sein. Diesen Spagat zu schaffen, ist eine große Herausforderung an Produktion und Logistik aber auch an die Personalführung am Industriestandort Deutschland.“ Auf dem Weg zum atmenden Unternehmen müssten allerdings auch die Politik und die Sozialpartner mitspielen. Atmende Unternehmen bräuchten zweierlei: Genug Luft zum Atmen und Spielräume für eine flexible und intelligente Anpassung an die Markt- und Wettbewerbssituation.

Diese Steilvorlagen nahm der fachliche Leiter und Moderator des Industriedialoges, Prof. Dr. Robert Fieten, Management-Forschungs-Team, Köln gerne auf und brachte die sechs Unternehmensvertreter maßgerecht ins Spiel. Sie boten keine theoretischen Langeweiler, sondern führten den Teilnehmern plastisch vor Augen, wie Unternehmen – wenn sie es denn ernsthaft wollen – am hiesigen Standort zu atmenden Unternehmen mutieren können und dass sich dies auszahlt!

foxRüdiger Fox, Mitglied des Vorstandes der PWF Aerospace AG, Speyer verglich in seinem Vortrag „Vom Schluckauf zur natürlichen Atmung: Selbststeuernde Systeme zur Kompensation schwankender Auslastung“ Industrieunternehmen mit dem menschlichen Organismus. Seine wohlbegründete These: „Reaktive Anpassungsmaßnahmen auf Kapazitätsschwankungen (Kurzarbeit, Sozialplan, Überstunden) führen zwangsläufig zu massiven Effizienzverlusten. Unternehmerische Kapazitätsanpassung müsse daher eingebettet sein in langfristig  geplantes, selbststeuerndes System. Eine einvernehmliche Regelung mit allen Betriebsparteien sei daher unumgänglich.

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mohrDem schloss sich Jan–Hendrik Mohr, Mitglied der Konzernleitung CLAAS, Harsewinkel an. Er skizzierte in seinem Vortrag „Produktionsflexibilität im Hause CLAAS: Notwendigkeiten und Lösungen“, wie man eine saisonale, konjunkturelle und prozesstechnische Flexibilität am Standort Deutschland erreichen kann, und welche große Bedeutung dabei einem animierenden Entlohnungssystem zukommt.

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schulzHieran nahtlos anknüpfend ging Rainer G. Schulz, Chief Operating Officer der REHAU AG & Co., Rehau und Muri bei Bern in seinem Vortrag „Robuste Prozesse: Voraussetzung für die Flexibilisierung der Produktion“ auf die organisatorischen und technischen Möglichkeiten der Gestaltung eines flexiblen Produktionssystems ein. Transparenz und Selbststeuerung sind auch bei REHAU die Erfolgsfaktoren der atmenden Produktion.

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kunzeAlle Forderungen nach flexibler Produktion sind Schall und Rauch, wenn nicht die Wertschöpfer aus den technischen Berufen am Standort Deutschland gehalten werden. Darauf verwies in origineller Darbietung Dr. Bernd Kunze, Geschäftsführer, Reifenhäuser REICOFIL GmbH & Co.  KG, Troisdorf.  23000 Ingenieure werden in 2014 mindestens fehlen – so seine Warnung. Die Unternehmen am Standort Deutschland müssten daher neue Wege gehen bei der Mitarbeitergewinnung und -bindung, bei flexiblen Arbeitszeiten, bei der Mitarbeiterführung und bei der Familienfreundlichkeit.

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oymannAn der Mitarbeiterführung knüpfte Herbert Oymann, Leiter Personal, LEMKEN GmbH & Co. KG, Alpen an. In seinem Vortrag „Flexibilisierung der Arbeitszeit mit Auswirkungen auf das Chance-Risiko-Erfolgsbeteiligungsmodell von LEMKEN“ skizzierte er insbesondere, wie man Mitarbeiter zu Mitunternehmern machen kann, und wie der Landmaschinenhersteller vom Niederrhein ein neues Entgeltsystem, das die Mitarbeiter an den Chancen, aber auch an den Risken des Unternehmens beteiligt, eingeführt und praktiziert wird. Das Credo bei LEMKEN lautet „Von der Anweisungs- zur Auftragskultur“ und dies hinterlegt mit einem neuen Anreizsystem.

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knudsenDass flexible Produktion nicht nur in der mechanischen Fertigung und Montage möglich ist, sondern auch in der Pharmaindustrie mit Erfolg praktiziert werden kann, skizzierte Christjan Knudsen, Leiter Abteilung Personal Zentralfunktionen Deutschland, Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG., Ingelheim in seinen fundierten Diskussionsbeiträgen.

Insgesamt zeigte der Petersberger Industriedialog, dass der Industriestandort Deutschland im internationalen Vergleich erhebliche Stärken in puncto flexible Produktion besitzt. Diese müssen in Abstimmung mit den Arbeitnehmern ausgeschöpft werden. Das atmende Unternehmen in Deutschland ist daher keine Fata Morgana, sondern eine reale Chance für unseren Standort. Aber: Dies erfordert kontinuierliche Verbesserungen. Moderator Robert Fieten schloss die Veranstaltung mit einem Zitat von Henry Ford: „Erfolg besteht darin, dass man genau die Fähigkeiten hat, die im Moment gefragt sind.“ Im Moment ist die Fähigkeit zu einer flexiblen Produktion im atmenden Unternehmen absolut gefragt.

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Stand: 07.02.2017
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